Von Witten nach Wehen

23 Oktober 2012 von Max Kommentieren »

In Deutschland gibt es ca. 300 Unternehmen, die in der Rechtsform eines sogenannten „Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit“ (VVaG) firmieren. Ganz grob kann man diese Institutionen dahingehend definieren, dass es sich eher um einen „Verein“ , als um ein „Unternehmen“ handelt. Das Online-Lexikon Wikipedia definiert von daher die Roll der VVaGs in Deutschland auch als „sehr bodenständige lokale Versicherer, die von kleinen Gruppen von Versicherungsnehmern zum direkten gegenseitigen Nutzen betrieben werden.“ Immerhin bildet diese Gruppe ca. ¼  des gesamten deutschen Versicherungsmarktes ab. Aber nicht nur die Großen, wie die Ergo-Gruppe werden von Skandalen gebeutelt, In der vergangenen Woche rückte auch ein Fall bei der kleinen „Wittener Sterbekasse“ für einige „Insider“ ins Rampenlicht. Die Sterbekasse Witten hat ca. 7.500 Mitglieder (oder besser gesagt: „Kunden“), die bei diesem Verein eine Lebens-  bzw. Sterbeversicherung abgeschlossen haben. Der dortige Geschäftsführer musste im Jahr 2011 seinen Hut nehmen, nachdem diverse Unregelmäßigkeiten aufgetaucht waren. Ein Bericht zu diesen Vorgängen aus der WAZ vom 20. März diesen Jahres liest sich, wie ein Relikt aus den 50er oder 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Viele – der wohl oft älteren – Beitragszahler, haben Ihren Monats bzw. Jahresbeitrag noch in bar im Büro des Vereins dem Geschäftsführer übergeben. Und der hatte wohl die „kleine Schwäche“ nicht so recht die Begriffe „Mein“ und „Dein“ zu unterscheiden. Jedenfalls klaffte in der Kasse des Vereins ein mehr oder weniger großes Loch. Mittlerweile geht die Staatsanwaltschaft von ca. 1 Mio. € aus, was gut 25% des Gesamtvermögens dieser „Klitsche“ darstellt. Dem Kassierer des Vereins fiel irgendwann im Jahr 2011 dann auf, dass irgendetwas nicht stimmen konnte und er vertraute sich der Versicherungsaufsicht an, die dann flugs einen Prüftrupp nach Witten schickte. Als die Prüfer die Kassenbestände sehen wollten, hiess es „er habe den Schlüssel gerade nicht greifbar und müsse ihn erst zu Hause holen.“ Und jetzt wird diese „Slaptstick-Nummer“ erst richtig krass: Statt nach Hause fuhr der Geschäftsführer zur Bank, hob einen 6-stelligen Betrag vom Vereinskonto ab und präsentierte diesen den Prüfern als „Bargeldbestand“ die daraufhin zufrieden wieder abzogen. Bei solchen „Aufsehern“ kann ich allen Versicherungskunden nur sagen: „Weiterhin viel Spass und schlafen Sie gut.“ Irgendwann kam man dem Betrüger dann doch auf die Schliche und die darauf folgenden Statements der Verantwortlichen kommen mir irgendwie bekannt vor. Alle Auszahlungen seien gesichert und die Kunden der Sterbekasse Witten halten ihrem Verein nach Angaben eines Sprechers nach wie vor die Treue. „Na Prima !“ kann man da nur sagen:  Ein Viertel des Vereinsvermögens haben Sie sich klauen lassen, aber es wird weiter brav eingezahlt, „weil wir das ja schon immer so gemacht haben.“ Der WAZ-Bericht schliesst mit dem Bonmot „Nach Bekanntwerden der Vorwürfe setzte sich der Mann nach Hessen ab (ja, die meinen unser „Hessen“ !) und soll dort mittlerweile als Trainer eines Fussballvereins tätig sein. „Na ja, was soll uns das hier interessieren ?“, denkt vielleicht der ein oder andere, aber jetzt wird’s erst richtig spannend: Besagter Fussballverein ist nämlich nicht der Tabellenachte der Kreisliga C Offenbach-Ost, sondern es handelt sich hierbei um den hessischen Spitzenclub und Drittligisten SV Wehen-Wiesbaden. Und der mutmaßliche Betrüger fungierte dort bis letzte Woche etwa nicht als Betreuer der Bambinis, sondern als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, einer vom Deutschen Fussball-Bund zertifizierten Fussball-Akademie, die man durchaus neben der Jugendabteilung der Frankfurter Eintracht als das Beste, was es in diesem Bereich in Hessen gibt, einordnen kann. Auf der Homepage des SV Wehen findet man den Leitsatz: „Das übergeordnete Ziel einer jeden Jugendarbeit muss sein, die Kinder in allen Lebensbereichen zu begleiten, zu stärken und in ihrer charakterlichen Entwicklung positiv zu unterstützen.“ Im Nachhinein ist es natürlich immer leicht, den Zeigefinger zu heben. Aber die Frage an die Verantwortlichen in Wehen muss erlaubt sein:  Wie kann in der heutigen vernetzten Welt so etwas passieren ?  Nicht nur ich habe mich bereits im letzten Jahr gewundert „Warum gibt einer einen Job bei Borussia Mönchengladbach auf (dort war der besagte Mann nämlich vorher in gleicher Funktion tätig) und heuert beim SV Wehen an ?“ Im Nachhinein wirft das natürlich auch auf alle Beteiligten am Bökelberg kein gutes Licht. Ich bin überzeugt: Einem Uli Hoeness und auch einem Heribert Bruchhagen wäre das nicht passiert. Da hätte der Buschfunk vorher ein SOS-Signal gesendet.

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