Die Ritter der Kokosnuss

8 August 2012 von Max Kommentieren »

440 Millionen US-Dollar (umgerechnet ca. 350 Mio. Euro) sind eine schöne Stange Geld.  Dafür kann man sich z. B. den kompletten Kader des FC Bayern München kaufen. Oder man kann fünf Jahre lang in sämtlichen Wies’n Zelten beim Oktoberfest die Devise ausgeben „Freibier für alle !“. Vielleicht reicht‘s dann auch nur vier Jahre. Wenn’s umsonst ist, schmeckt das Bier ja doppelt so gut.

Oder man vertraut einem Computersystem, das automatisch Käufe und Verkäufe von Aktien ausführt. So wie die Firma „Knight Capital Group“ eine Börsenmakler-Firma aus New Jersey, die in der vergangenen Woche innerhalb einer dreiviertel Stunde diesen Betrag auf der Minusseite verbuchte, weil die Computer der Firma falsch programmiert waren. Die Verantwortlichen dieser „Zockerbude“ haben dann wohl abends in ihrem Büro in New Jersey ihre Wunden geleckt und nach der Antwort auf die Masterfrage aller Fehleranalysen  „wie konnte das passieren ?“ gesucht. Auf der anderen Seite des Hudson Rivers in Manhattan, dürften einige clevere Börsenhändler, die neben dem Computer auch ihr Hirn eingeschaltet hatten, dagegen einen entspannten Abend verlebt haben. Schließlich muss es ja auch Leute geben, die diese 440 Millionen auf der Habenseite verbucht haben. Wie sagte schon der legendäre und tiefgläubige Filmrechte-Dealer Leo Kirch: „der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Aber zurück zum Geschehen in New York: Für mich ist das wieder einmal ein Paradebeispiel wie verrückt und teilweise weit weg von der Realität sich gewisse Bereiche in der Finanzbranche entwickelt haben. Die Firma „Knight Capital Group“ war darauf spezialisiert sogenannte Arbitrage-Geschäfte abzuwickeln. Das bedeutet, dass z. B. eine Aktie an der Börse in New York 19,99 Dollar kostet und die gleiche Aktie zum gleichen Zeitpunkt an der Börse in Chicago für 19,98 Dollar gehandelt wird. Dann kauft der Computer in Chicago für 19,98 ein und verkauft in der gleichen Sekunde in New York für 19,99. Macht einen Cent Gewinn und man muss nur eine ordentlich große Zahl an Geschäften dieser Art tätigen, um dann auch entsprechend davon leben zu können. Durch die zunehmende elektronische Vernetzung in der Welt werden aber die sogenannten „Arbitrage-Spannen“ immer kleiner und man muss hier blitzschnell handeln, wozu nur Computer in der Lage sind. Allerdings kann es auch bei einem Computer immer mal passieren, dass er einen schlechten Tag hat und irgendetwas mit der Maschine nicht stimmt. Normalerweise fährt man den Rechner runter, gibt ihm ein paar Minuten Pause und beim erneuten Hochfahren funktioniert wieder alles. Die Unglücksraben von KCG hatten allerdings eine neue Software auf Ihre Rechner aufgespielt, die beim ersten Praxistest dann wohl die eine oder andere Zahl durcheinander gebracht hat. Das sorgte dafür, das bei insgesamt 150 Aktien teilweise völlig unrealistische Kurse zustande kamen und  „Knight Capital Group“ entweder die Aktien viel zu teuer kaufte, bzw. viel zu billig verkaufte. Bei mir drängt sich da vor allem eine Frage auf: „Warum zieht da keiner nach zwei Minuten den Stecker raus ?“ Das ganze „Spielchen“ lief eine dreiviertel  Stunde lang und am Ende der Veranstaltung standen bei den „Rittern der Kokosnuss“ 440 Mio. Dollar Miese auf dem Deckel. Und die Erkenntnis: Kein Computer dieser Welt kann einen gesunden Menschenverstand ersetzen ! Alte Börsianer-Legenden wie z.B. Fidel Helmer vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser können zahlreiche Anekdoten vom (mittlerweile quasi abgeschafftem) Präsenzhandel an der Börse erzählen. Die Kernaussage lautet immer. Da haben noch Menschen mit Menschen gesprochen und nicht Maschinen mit Maschinen. Und wenn ein Börsenmakler auf einmal 10 € mehr für die Allianz-Aktie geboten hätte, dann hätte ihn ein Kollege zur Seite genommen, hätte ihn gefragt „Ist Dir nicht gut ? oder gab‘s beim Mittagessen die falschen Getränke ?“ und der Mann wäre für den Rest des Tages aus dem Verkehr gezogen worden. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen an den Börsen in New York, aber auch in Frankfurt mal darüber Gedanken machen. Viele Finanzprodukte, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, sind überflüssig und völlig am Bedarf vorbei konzipiert worden. Und eine starke Präsenzbörse würde sicherlich dafür sorgen, dass die hektischen, teilweise überhaupt nicht mehr nachvollziehbaren Kursschwankungen an verschiedenen Märkten, durch die Zutat „menschliches Hirn“ deutlich eingedämmt werden. Den Eigentümern von „Knight Capital Group“ nützt diese Erkenntnis nichts mehr. Sie mussten 75% ihrer Anteile opfern, um eine überlebensnotwendige Kapitalspritze zu erhalten. Es dauerte gerade mal eine Halbzeit eines Fussballspiels und 17 Jahre Aufbauarbeit eines Unternehmens sind in der virtuellen Welt verpufft.

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