Computer aus- und Hirn einschalten

17 Mai 2010 von Max Kommentieren »

Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, hat sich am Donnerstag letzter Woche einer der größten Wirtschaftsskandale der Nachkriegszeit abgespielt. Die breiten Börsenindices in den USA (Dow Jones , S+P 500 und Nasdaq-Composite) brachen gegen 20:40 Uhr MESZ urplötzlich massiv ein und verloren in der Spitze 10% um dann in einer fulminanten Aufholjagd innerhalb einer Viertelstunde diesen Einbruch wieder nahezu wettzumachen.

Bei der bis heute andauernden Ursachenforschung konnte immer noch nicht abschließend geklärt werden, was denn jetzt der Auslöser für diese, in einer solchen Form noch nie dagewesene, Bewegung war.

Die FAZ titelte in Ihrer Ausgabe vom 8.5.2010 „Athen“ oder „Amateur“, was heißen soll: Vielleicht waren es die Bilder aus Griechenland, wo an diesem Tag die Stimmung eskalierte, die den Händlern Angst und Schrecken einjagte oder war es ein „fat finger“ auf gut deutsch ein Trottel, der den dicken Finger zu lange auf der Tastatur ließ und dadurch seiner Verkaufsorder 3 Nullen hinzufügte, was dann aus einer Million mal eben schnell 1 Milliarde werden ließ.

Aber im Grunde ist diese Art der Ursachenforschung egal. Entscheidend ist, dass die Ursache des ganzen Übels im Computerhandel liegt, d.h. bei dem Unterschreiten von bestimmten Kursmarken werden automatisch weitere Verkäufe ausgeführt, was die Kurse dann in der Regel noch weiter drückt.

Im Normalfall ist das so, dass irgendwann bei den Händlern der gesunde Menschenverstand einsetzt und ihnen sagt: „O.k. jetzt haben wir einen Kurseinbruch gehabt. Was hat sich denn eigentlich geändert ? Vielleicht sollte man die Chance nutzen und auf niedrigem Niveau ein paar Aktien einsammeln“ und auf diese Weise der Abschwung gebremst wird.

Was wir aber am vergangenen Donnerstag erlebt haben stellt alles bisher dagewesene in den Schatten und im Grunde ist es ein Armutszeugnis für alle an dieser Aktion Beteiligten, dass nicht irgendjemand gesagt hat: „Jetzt stellen wir diese verrückten Maschinen mal ab, holen tief Luft und überlegen mal, was wir hier eigentlich gerade veranstalten.“

Ein paar Beispiele gefällig ?

Der Tabakkonzern Philipp Morris (zu denen gehört z.B. Marlboro), rauschte innerhalb von Minuten von einem Kurs, der eigentlich monatelang stabil zwischen 40 und 50 US-Dollar lag, auf bis zu 2 Dollar ab. D.h. die Firma wurde um 20:30 Uhr mit 90 Mrd.US-Dollar bewertet und in der Zeit als ich in einem kleinen Vorspeisensalat etwas herumgestochert habe sank der Wert auf 4 Mrd US-Dollar um pünktlich mit der Anlieferung des Hauptgangs um 20:50 Uhr (ich glaube, es gab Spargel mit Wiener Schnitzel) wieder bei  80 Mrd. Euro zu stehen.

Oder die Firma Accenture, eine große amerikanische Unternehmensberatung:

Gestartet an diesem Tag bei 40 Dollar sank der Kurs auf sage und schreibe 0,01 Dollar ab, um am Ende des Tages wieder bei einem Kurs von 40 Dollar aus dem Markt zu gehen.

Und das alles spielt sich wohlgemerkt nicht auf dem örtlichen Vieh- und Krammarkt in Timbuktu, sondern an der Weltleitbörse „Wall Street“ ab, deren Kursentwicklung sämtliche Weltbörsen für den kommenden Tag inspiriert oder (je nach Kursentwicklung) lähmt.

Aber die Tatsache, dass gerade in New York so etwas passieren konnte, lässt auch die Entstehung der Immobilienkrise in den USA auf einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Anscheinend ist einem Großteil der Beteiligten die Gabe abhanden gekommen, Dinge kritisch zu hinterfragen und auf Plausibilität zu prüfen.

Ohne Zweifel ist der Computer in der heutigen Zeit in vielen Bereichen eine wertvolle Hilfe und der technische Fortschritt bringt dort immer leistungsfähigere und schnellere Maschinen hervor und gerade in der Finanzwelt oder auch in der Medizin ist der Computer nicht mehr wegzudenken. Und  wenn das Auto bockt, geht in der Regel auch keiner mehr mit dem Schraubenschlüssel an die Arbeit, sondern dann wird ein Laptop angeschlossen, um zu prüfen, in welchem Teil des Motors die Elektronik gestört ist.

Aber die Beteiligten dürfen sich nicht zum Sklaven der Maschine machen lassen.

Und gerade in solchen Situationen, wie am vergangenen Donnerstag, ist es (überlebens-) wichtig, den „Off-Knopf“ zu drücken und das Hirn einzuschalten.

Zumindest einige Börsianer dürften so schlau gewesen sein, den Löffel rauszuhalten, als es Brei regnete. Denn ein Kurs von 2 Dollar bei Philipp Morris bedeutet ja automatisch, daß es nicht nur einen Verkäufer zu diesem Preis, sondern auch einen Käufer gegeben hat. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der sich danach keine Marlboro, sondern was richtig dickes Braunes angesteckt hat…

Kommentare geschlossen.