Von der schönsten Nebensache der Welt zum Wirtschaftsfaktor

19 August 2015 von Max Kommentieren »

Rechtzeitig vor Beginn der 53. Bundesliga-Saison wurde in der vergangenen Woche eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey vorgestellt, die sich mit den wirtschaftlichen Kennzahlen des Profi-Fussballs in Deutschland auseinandersetzt. Mit einem Umsatz von insgesamt 7,9 Milliarden € haben die Vereine in der 1. und 2. Bundesliga damit in den vergangenen 5 Jahren (seit Erstellen der letzten Studie) ihren Umsatz um mehr als 50% erhöht. Insgesamt wurden 2,3 Milliarden Steuern bezahlt. Das reicht zwar nicht für die endgültige Rettung Griechenlands, aber immerhin könnte man damit fast den Etatposten „Ausgaben für Bundesfernstraßen“ im aktuellen Bunddeshaushalt gegenfinanzieren. Und das will bei der aktuellen Baustellensituation auf den Autobahnen in unserem Land schon was heißen ! Aktuell sind im Bereich des Profi-Fussballs insgesamt 110.000 Menschen in Lohn und Brot und der Umsatz entspricht ca. 0,3% des Brutto-Inlands-Produkts in Deutschland.

Vor 5 Jahren lag die Zahl der Vollbeschäftigten bei den 36 Profivereinen in Deutschland noch bei 70.000. Das „Runterbrechen“ von Umsatz und Personal-Zahlen auf die einzelnen Vereine ergibt in diesem Fall genau so viel Informationsgehalt, als wenn der Nachrichtensprecher sagt: „Und hier die Ergebnisse des heutigen Bundesligaspieltags: 1:0; 1:1, 3:2 0:0 und 1:0“. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen dem Branchenkrösus FC Bayern München und beispielsweise dem FSV Frankfurt, der im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur um jeden Punkt, sondern auch um jeden einzelnen Zuschauer und damit auch um jeden Euro Einnahmen kämpfen muss.

Wen die komplette Studie interessiert, hier der Download-Link:

http://www.mckinsey.de/sites/mck_files/files/mckinsey_wachstumsmotor_bundesliga.pdf

Fazit des Ganzen: Die Zeiten, in denen Fussball als „schönste Nebensache der Welt“ betrachtet wurde, sind vorbei. Die zwangsläufig damit verbundene Frage, ob das für den Sport gut oder schlecht ist, kann sicherlich nicht so ohne weiteres klar beantwortet werden. Wenn in der Branche über 100.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, ist das ein klares „pro“ – wenn man aber sieht, dass am Wochenende auf den Sportplätzen der Kreisligen mehr Leute im „Häusje“ sitzen und sich die Sky-Übertragungen der Bundesliga –Spiele anschauen, anstatt ihre Aufmerksamkeit den heimischen Vereinskickern zu widmen, dann stellt das viele Bereiche der Kommerzialisierung in Frage.

Eine lebenslange Rente – gesponsort von allen Vereinen – hat auf alle Fälle derjenige Marketing-Stratege verdient, der auf die glorreiche Idee kam, den Namen der Spieler auf die Trikots zu drucken und diese mit einer festen Rückennummer zu versehen. Aber auch hier gibt es die Kehrseite der Medaille: Was machen denn z.B. die ganzen Bayern-Fans , die in den letzten 6 Monaten voller Stolz das Trikot mit der Nr. 31 gekauft haben ?

Dass im Fussball oftmals – trotz des vielen Gelds, das unterwegs ist – in manchen Bereichen immer noch amateurhaft gearbeitet wird, konnte man in den vergangenen Tagen wieder bei einem Traditionsverein in Norddeutschland erleb en. Da trägt ein Sportdirektor pikante Vertragsdetails in einem Rucksack spazieren (!), und lässt diesen dann in einem Park liegen. Ob er ihn vergessen hat, nachdem er dort vielleicht auf einer Bank seinen Rausch ausgeschlafen hat, oder ob er ihm geklaut wurde, ist eigentlich zweitrangig. Der für mich eigentliche Skandal ist, dass so etwas ohne arbeitsrechtliche Konsequenz bleibt. Diese Geschichte gehört eigentlich in die 60er, 70er oder 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Bundesliga noch eine wahre Bühne für echte Chaoten und Exzentriker war. Als Trainer auf der Bank einschliefen oder in der Nase bohrten und fast keiner das mitbekam. Oder Präsidenten Blancoschecks ausstellten und Beerdigungen wiederholen ließen, weil sie zu spät kamen. Diese Anekdoten werden seltener, auch eine Konsequenz der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Fussballs und dem damit verbundenen, selbst auferlegten „Mehr an Seriosität“. Und in einer Spedition im beschaulichen schweizerischen Schindellegi werden sie wohl noch einen alten Scanner auftreiben, damit künftig die Archivierung von Unterlagen in ordentlicher, digitaler Form vorgenommen wird. So wie es sich für einen ehemaligen Europapokalsieger und 6-fachen deutschen Meister gehört.

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