Komödienstadel in Zürich

10 Juni 2011 von Max Kommentieren »

Vor ca. einem halben Jahr habe ich an gleicher Stelle einen Kommentar über die Vergabe der Fussball-WM 2022 in Katar geschrieben und diesen mit dem Satz beendet „bis dahin sind die, die uns das eingebrockt haben, wahrscheinlich nicht mehr im Amt“. Nach der unglaublichen Schmierenkomödie, die sich in der vergangenen Woche am Rande des FIFA-Kongresses in Zürich abgespielt hat, als es um die Wiederwahl des Präsidenten Josef Blatter (meine Schweizer Freunde nennen ihn nur „den Kuvert-Sepp“ – warum wohl ?) ging, befürchte ich, dass ich mit dieser Einschätzung falsch liege. Wurden doch schon während der Abstimmung über die Austragungsorte 2018 und 2022 zwei Funktionäre des 24-köpfigen FIFA-Exekutiv-Komitees wegen Bestechungsvorwürfen suspendiert und durften an der Abstimmung nicht teilnehmen, kamen im Vorfeld des jetzigen Kongresses täglich neue „Wasserstandsmeldungen“ ans Licht, wer denn jetzt wen bestochen hat. Selbst eingefleischte Experten und Betrachter der Szene hatten Mühe, den Überblick zu behalten. Fakt ist, dass das letzte Fünkchen Ansehen, dass diese „Bande“ bzw. Altherren-Riege vielleicht noch in der Öffentlichkeit hatte, jetzt wohl definitiv verglüht ist.

Als ich ein Interview mit Sepp Blatter sah, in dem dieser, auf die Vorgänge angesprochen, sagte „Krise, was für eine Krise ? Wir haben höchstens ein paar Probleme, aber die regeln wir innerhalb der Familie“ hörte sich das für mich genauso an, wie in der legendären Rede des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Und ich war beileibe nicht der einzige, dem mit dem Begriff „Familie“ in diesem Zusammenhang Assoziationen mit diversen „Verwandschaftsunternehmen“ in Süditalien einfielen.

Für mich stellt sich die Frage, wie kann es sein, dass in der „Regierung des Weltfussballs“ so wie das Exekutivkomittee auch genannt wird, immer noch Personen sitzen, die – wie im Falle der Herren Jack Warner (Trinidad) und Ricardo Texeira (Brasilien) – wohl offensichtlich Verträge abgeschlossen haben, bei denen beide persönlich mit dem Verkauf von Tickets bzw. nationalen Fernsehrechten in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Im Zuge der WM-Vergabe nach Katar wurden jetzt Vorwürfe laut, nach denen ein Quartett aus südamerikanischen Funktionären gegen eine Zahlung von 20 Mio. US-Dollar ihre Stimmen verkauft haben sollen. Die Vorwürfe gipfelten in der angeblichen Forderung des Paraguayers Nicolas Leoz (gleichzeitig Präsident des südamerikanischen Verbands CONMEBOL- vergleichbar mit der UEFA in Europa), der vom englischen Verband gefordert haben soll, dass der englische Pokalwettbewerb nach seinem Namen benannt werden sollte, dann würde er England seine Stimme geben. Herr Leoz ist 82 Jahre alt. Wenn diese Vorwürfe auch nur ansatzweise stimmen, lautet da meine Empfehlung: „Einweisen in die Geschlossene“. Aber freiwillig zurücktreten wird von diesen Herrschaften niemand. Warum denn auch, wenn alles in der Familie bleibt ? Die FIFA ist nach meinem Kenntnisstand das einzige Wirtschaftsunternehmen, wo Spesen ohne Quittungen abgerechnet werden und der Präsident des argentinischen Fussballverbandes, Julio Grondona (mit 79 Jahren fast ein „Jungspund“ bei dieser Veranstaltung), pflegt das Lebensmotto „Todo pasa“ (Alles geht vorbei), was in den imposanten goldenen Siegelring, den er trägt, auch eingraviert ist. In der Tat sind die meisten seiner Kollegen im Exekutivkomittee dermaßen „mit allen Wassern gewaschen“, dass man den Eindruck hat, sämtliche Vorwürfe jedweder Art perlen an ihnen ab. Ein gravierendes Problem der Organisation FIFA liegt meiner Meinung nach darin, dass alle Migliedstaaten, egal wieviel sie zum Etat der FIFA beitragen oder in welcher Höhe sie davon profitieren, das gleiche Stimmrecht haben.  Das macht die ganze Konstellation viel anfälliger für Bestechung und Korruption, da bei manchen Vertretern der kleinen (und ärmeren) Staaten, die „Schmerzgrenze“ für kleine Gefälligkeiten naturgemäß etwas niedriger liegt, als bei jemand, der einen Verband mit hunderttausenden oder gar Millionen Mitgliedern vertritt. Warum regelt man die Stimmvergabe beispielsweise nicht wie bei der Zusammensetzung des Internationalen Währungsfonds (IWF), wo sich die Stimmrechte der einzelnen Mitglieder nach dem jeweiligen Kapitalanteil des Landes richten. Dass der IWF nicht in allen Bereichen als leuchtendes Beispiel dient, steht auf einem anderen Blatt.

Aber es gibt berechtigten Anlass zur Hoffnung. Auf dem FIFA-Kongress letzte Woche wurde „unser Landsmann“ Dr. Theo Zwanziger als die „deutsche Stimme“ und damit als Nachfolger von Franz Beckenbauer in das FIFA-Exekutivkomittee gewählt. Die Fussballfreunde in Deutschland haben nur einen Wunsch: Dr. Zwanziger, räumen Sie diesen Saustall auf !

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