Von allen guten Geistern verlassen

15 Mai 2018 von jonas Kommentieren »

Exakt 24 Stunden vor Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders haben die beiden türkisch-stämmigen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan Bundestrainer Joachim Löw ein schönes nachträgliches Osterei ins Nest gelegt.

Beide posierten bei einem eigens am Sonntag in London anberaumten PR-Termin neben dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan und überreichten ihm handsignierte Trikots ihrer jeweiligen Vereine Arsenal London bzw. Manchester City mit der persönlichen Widmung „für meinen Präsidenten“.

Bei aller Liebe – Jungs, wer hat Euch ins Hirn geschissen? Geht’s noch?

Nach meinem Wissen habt Ihr einen Deutschen Pass und spielt für die Deutsche Nationalmannschaft – auch wenn Ihr euch beim Singen der Nationalhymne vor dem Spiel etwas schwer tut.

Aber mit dieser Aktion habt ihr euch ins Abseits manövriert. Der ebenfalls mit türkischen Wurzeln ausgestatte Grünen-Politiker Cem Özdemir hat deutliche Worte zu Eurem Verhalten gefunden.

„Der Bundespräsident eines deutschen Fußball-Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag“, sagte er der Nachrichtenagentur SID „Es sitzt in Berlin, nicht in Ankara.“

Und im Nachgang: „Anstatt Erdogan „diese geschmacklose Wahlkampfhilfe“ zu leisten, wünsche ich mir von den Spielern, dass sie sich aufs Fußballspielen konzentrieren und noch einmal die Begriffe Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nachschlagen“.

Dazu sage ich: Respekt und Bravo Cem Özdemir!

Wenn ich dagegen das erste Statement des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel lese

(gepostet am Montag um 15:50 Uhr über seinen Twitter-Account)

„Der DFB respektiert und achtet selbstverständlich die besondere Situation unserer Spieler mit Migrationshintergrund. Aber der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden. Deshalb ist es nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen. Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen.“

dann muss ich sagen: Herr Grindel, so redet man vielleicht in der Diplomatie, aber nicht mit Fußballern! Hier ist eine klare Ansage gefordert und nicht die „Weichspüler-Sprache“ eines Berufspolitikers. Cem Özdemir ist auch ein Berufspolitiker, aber im Gegensatz zum DFB-Präsidenten – der noch nie in seinem Leben gegen einen Ball getreten hat – hat er das erkannt.

Für mich ergeben sich aus dieser – völlig unnötigen – Blutgrätsche dieser beiden „dummen Buben“ folgende Erkenntnisse.

1. Jogi Löw ist gut beraten, heute mittag anstelle der geplanten 26 Spieler, einen vorläufigen Kader mit 28 Spielern zu benennen. (Die FIFA erlaubt sogar 35). Dann bleibt genügend Zeit, herauszufinden, was hinter dieser ganzen Aktion steht und den Jungs klar zu machen, wie die Spielregeln lauten. Und bei dem geringsten Zeichen von Uneinsichtigkeit, fahren sie halt nicht mit nach Russland – Punkt !

2. Einmal mehr muss ich auch in dieser Situation dem Herrn Grindel vorwerfen, Fußball-Kompetenz und „Stallgeruch“ gehören nicht zu seinen ausgeprägten Eigenschaften und ich frage mich „Ist hier der richtige Mann am richtigen Platz?“ Die Vorstellung ihn grinsend neben Herrn Infantino auf der Ehrentribüne zu sehen, vertreibt mir fast schon die Vorfreude auf die WM

„Mein Präsident“ ist er jedenfalls nicht! Und der Glatzkopf aus der Schweiz ist es auch nicht!

P.S:

Ein interessantes Detail ist mir aufgefallen, als ich mir mal auf www.transfermarkt.de angeschaut habe, wer denn überhaupt der Berater der beiden Spieler Özil und Gündogan ist. Der muss nämlich auch von allen guten Geistern verlassen sein, einen solchen PR-Termin seiner Spieler ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu verhindern. Es ist in beiden Fällen die Agentur „Family & Football“. Und noch interessanter ist, welcher Trainer zu den Klienten dieser Firma gehört. Da gibt es einigen Gesprächsbedarf…

1 Kommentar

  1. B.F. sagt:

    Respekt! Ein Mann der klaren und deutlichen Worte!

    Ich mag noch ergänzen, dass der DFB sich dieses alberne Treffen der beiden Spieler mit Frank-Walter Steinmeier „als Ausgleich“, quasi zum „Wogen glätten“ hätte schenken können. Im Letzten war es eine Zumutung für Herrn Steinmeier, sich hier für fragwürdige „Botschaften“ instrumentalisieren zu lassen.

    Herr Grindel, hätte er „Cojones“, hätte die beiden Bengels auffordern sollen, bei einem fotoshooting mit dem im Exil lebenden Fethullah Gülen auch diesem ein Trikot mit Widmung zu überreichen. Meine Herren, wenn Politik, dann auch da, wo es weh tut. Ganz oder gar nicht!

    Stattdessen bleibt sogar ein intensives Geschmäckle zurück, wenn es wahr ist, dass Herr Gündogan ja mit seiner Familie im türkischen Heimatort seiner Eltern ein Einkauszentrum bauen möchte. Und das Wohlwollen dieses Despoten dürfte ihm hierbei zumindest keine Steine in den Weg legen.

    Mit Charakter wären sie freiwillig zuhause geblieben

    Herzlichen Glückwunsch Her Grindel.
    Herzlichen Glückwunsch DFB.
    Seit (spätestens) Juni 2018 ist der größte Sportverband der Welt ein Selbstbedienungsladen der (Un)Glaubwürdigkeit.